Hat Bach gar nicht gelebt?
Die These, dass es sich bei J.S. Bach gar nicht um eine historische
Persönlichkeit handelt, und dass die ihm zugeschriebenen Werke
von
anderen, unbedeutenden Komponisten stammen, wurde zuerst von Prof.
Ferkel vertreten. In der Tat wurden immer wieder angebliche
Kompositionen Bachs als nicht von ihm stammend entlarvt. Bis Prof.
Gottlieb Ferkel von der Universität Leipzig schrieb man auch
die
Goldbergvariationen ebenfalls ohne Diskussion Bach zu. Wenn es diesen
jedoch gar nicht gab: wer sonst ist der Autor? Etwa Händel?
Oder
Telemann? Und gab es die überhaupt? Und wenn nicht? Sind die
Variationen durch Zufall entstanden, so wie das Universum und der
Mensch auch?
Die zahllosen Zeugnisse über den angeblichen Thomaskantor und
seine vielen angeblichen Kinder stellen auch für Ferkel und
seine
Anhänger ein Problem dar, an dem noch lange zu forschen sein
wird.
Aber seine bahnbrechende These hat in der universitären Welt
und
darüber hinaus bei den musikalischen Laien grosse
Aufmerksamkeit,
zum Teil auch Bestürzung erregt, ähnlich wie
seinerzeit bei
der Entzauberung von Shakespeare, den es ja ebenfalls nicht gab.
Wie wir alle wissen, wurde in vergangenen Jahrhunderten, ganz anders
als heute, viel geflunkert. Vieles existiert nur vom
Hörensagen,
so wie das sagenhafte Atlantis. Und ganz anders als heute, zum
Glück, schrieb ein Gelehrter vom anderen ab. So entstand
Geschichte, auch Musikgeschichte. Auf diesem Hintergrund sind sich
Ferkel und seine Leute sicher, auch den Mythos Bach entzaubern zu
können.
Die Gesellschaft der nicht-existenten Persönlichkeiten (GNEP)
hat
derweil unseren Johann Sebastian mit einem grossen Fest wohlwollend
aufgenommen. Lange schon hatten sie keinen so prominenten Zugang mehr.
König Artus führte im Hintergrund Regie, Shakespeare
las aus
seinen Werken, Jesus von Nazareth spendete seinen Segen. Gegenseitig
tröstete man sich, so gut es eben ging, über die
eigene
Nichtexistenz hinweg.
Bis jetzt kann man nicht behaupten, Ferkel Forschungen seien allgemein
akzeptiert. Zu viele ungelöste Fragen und das bekannte
Beharrungsvermögen in Bezug auf liebgewordene Meinungen
verhindern
dieses. Aber die Ferkelianer (oder Ferkels, wie sie von Gegnern
abschätzig genannt werden) sind sich sicher: ihnen
gehört die
Zukunft. In 100 Jahren werden ihre Thesen Allgemeingut sein. Auch
über uns werden Historiker nachdenken: haben wir wirklich
gelebt?
Stefan Abels
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